Über die Zusammenarbeit mit Aussteigern aus der islamistischen Szene

Aussteiger aus der islamistischen Szene sind für die Aufklärungs- und Deradikalisierungsarbeit bezüglich islamistischer Ideologie und Radikalisierung von hoher Bedeutung, da sie über wertvolles Insiderwissen verfügen, welches sich zur Darstellung von Gegennarrativen heranziehen lässt. Durch die hohe Authentizität der Erfahrungen von Aussteigern entfalten ihre Darstellungen eine hohe Überzeugungskraft bei jungen, radikalisierungsgefährdeten Menschen. Wir sind uns im Klaren darüber, dass es sich bei frischen Aussteigern nicht zwangsläufig um völlig geläuterte und vollumfänglich selbstreflektierte Personen handeln muss, deren Lebensgestaltung zufriedenstellend ist oder eine Vorbildfunktion erfüllt. Vielmehr befinden sich Aussteiger in einer lebensgeschichtlich kritischen Phase  der Neuorientierung, die mit hoher Anstrengung von Aufarbeitung und Reflektion des eigenen Werdegangs  einhergehen sollte, sowie um die Zurückgewinnung eines geborgenen Lebensumfeldes gelagert sein sollte, welches  Sicherheiten für die eigene Existenz und Identität schafft. Bei diesem mitunter konfliktreichen Prozess ist es möglich,  dass bestimmte Lebensfragen auf Dauer ungeklärt bleiben und somit auch dem Zuschauer keine „Lösungen“ dieser  inneren und äußeren Konflikte dargeboten werden.

Bei den Darstellungen der Aussteiger geht es deshalb in erste Linie nicht darum, ein alternatives Identitätsangebot  vorzustellen, auch wenn das Angebot von alternativen Sinnstiftungs- und Anerkennungsquellen ein wesentlicher  Bestandteil von pädagogischen Ansätzen in der Deradikalisierungsarbeit ist. Im Vordergrund unserer Arbeit steht  vor allem die Erlangung der Kompetenz, mit den Widersprüchen, der Komplexität, der Ungewissheit und mit dem  Unbehagen unserer Zeit generell umgehen zu können. Das Aufzeigen von Widersprüchen und Rissen im einfachen  Weltbild von Islamisten ist dabei ein erster Schritt hin zur Sensibilisierung.

Wir stellen die Beiträge von Aussteigern aus den genannten Gründen nicht als „die Gegenstimme der Vernunft“ dar, sondern als kontextspezifische Zeugenberichte, die zuerst einmal einen Einblick in das Weltbild von Islamisten geben. Die Aufklärungsarbeit bezüglich der Verkürzung des islamistischen Denkens sollte grade bei Aussteigern weiter  geführt werden, um das reflexive Moment des Ausstiegs zu stärken.